Geschichte unseres Stadtteils - 9. Kapitel

 

 

Kapitelübersicht

 

Der St. Johannisfriedhof – Teil 2

Die vom Rat der Reichsstadt Nürnberg verordnete Einheitlichkeit der Bürger über den Tod hinaus durch größengenormte Grabsteine wurde nicht nur durch zunehmend höher werdende Grabmale und kunstvolle Epitaphien umgangen. Im Laufe der Jahrhunderte schafften es einige Familien, sich aus dem normierten Gräberfeld hervorzuheben. Wie sie es schafften, die bestehende Friedhofsordnung zu umgehen, ist unbekannt. Dass erhebliche finanzielle Transaktionen im Spiel waren, zeigt das Beispiel des Müntzerschen Grabdenkmals.

Neben der sieben Meter aufragenden Gedächtnissäule des Wolfgang Müntzer, zu deren Füßen sich das Grab seiner Eltern befindet, ist auch die Holzschuherkapelle zu nennen.

Die Eltern von Wolfgang Müntzer waren aus dem katholischen Bamberg in das evangelische Nürnberg gekommen. Hier wurde Wolfgang am 14. Mai 1524 geboren und auf „deutsch“, d. h. evangelisch-lutherisch, getauft.

Wolfgang Müntzer trat am 31. Mai 1556 mit anderen eine Pilgerreise von Venedig nach Jerusalem an und traf nach 48 Tagen bei teils stürmischer Überfahrt am 17. Juli „an dem Port Joppen – heute Jaffa – an“. Am 26. Juli 1556 wurde Müntzer in Jerusalem zum Ritter geschlagen. Am 2. August wurde er, bereits auf der Heimreise befindlich, aufgrund falscher Anschuldigungen in Jaffa verhaftet. Nach langen Verhandlungen kam Müntzer im Mai 1557 nach Damaskus und am 5. August auf dem Landweg nach Konstantinopel. Zwei Jahre wurde er hier festgehalten und musste als „Gefangener des Kaisers“ die Arbeiten von Galeerensklaven verrichten. Der französische Gesandte in Konstantinopel setzte sich für Müntzer ein. Am 22. Juni 1559 erhielt er vom türkischen Sultan einen Pass zur Weiterreise; am 24. Juli erreichte er schwergeprüft Venedig.

Nach diesem Erlebnis ließ Wolfgang Müntzer die Wandsäule errichten. Fünf Jahre nach der Gefangenschaft in der Türkei bekam er Streit mit dem Domkapitel zu Bamberg, wurde, angeblich wegen reformationsfreundlicher Gesinnung und Vernachlässigung seiner Lebensbeziehung zum Domkapitel, verhaftet und ein Großteil seiner Güter eingezogen. Ohne Verhör ließ man ihn, nachdem er aus seinem eigenen Haus in Bamberg abgeführt worden war, 8 Tage im Gefängnis, bis er auf die Intervention des Nürnberger Rates hin wieder entlassen wurde.

Wolfgang Müntzer starb am 29. Mai 1577. Es wird berichtet, dass er in einer halben Stunde gesund – krank – und tot gewesen sei.

Die Kapelle wurde 1506/07 erbaut und geweiht. Architekt war der seinerzeitige Stadtwerkmeister Hans Beheim der Ältere. In vorreformatorischer Zeit unterstand die Kapelle dem Bistum Bamberg. Mit der Reformation ging die Holzschuherkapelle in die Verantwortung des Rates der Reichstadt Nürnberg über. Die Ausstattung war durch mehrere Stiftungen möglich geworden. Die Zuordnung als Bestattungskirche der Holzschuher erfolgte erst nach einem Rechtsstreit mit den Imhoffs vor dem Reichskammergericht. Der oft als Stifter genannte fränkische Adlige Heinrich Marschalck zu Rauheneck aus der Schney war nur einer von mehreren Stiftern.

Wie das Dürer’sche Bild des Johannisfriedhofs von 1494 zeigt, war an dieser Stelle schon vorher eine Kapelle, die aber noch außerhalb des Gottesackers stand. Erst durch die Nutzung des Geländes als Pestfriedhof rückte diese an den Rand des Gottesackers. Das dürfte wohl die selbe sein wie die, deren Weihe im Salbuch von St. Johannis (Vorform des heutigen Grundbuches) beschrieben ist:

Die Kapelle auf dem Gottesacker bei St. Johannis und der Altar zum erstenmal geweiht in der Ehre der heiligen hochgelobten Dreifaltigkeit und des heiligen Zwölfboten Paulus und des heiligen ersten Märtyrers St Stephan und des heiligen Bischofs und Märtyrers St Valentin...“.
 

Diese Stephanskapelle war 1395 als schlichter spätgotischer Bau mit quadratischem Grundriss erbaut worden. Im Jahre 1507 ist diese Kapelle abgebrochen und mit neuem Grundriss wieder errichtet worden. Wenn man die Türe öffnet, fällt sofort der im schön gewölbten Chorraum der Kapelle befindliche Altar ins Auge. Kunstvolle Schnitzereien am Altar und dessen Seitenflügeln aus hartem Holz in erhabener Arbeit fesseln den Blick. An der Südseite erblickt man die Grablegung Christi, das Ende der Via Dolorosa, die von Adam Kraft mit weiteren sieben Stationen und der Kreuzigungsgruppe auf dem Kalvarienberg um 1500 geschaffen wurde

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Bildrechte: Förderverein Kulturhistorisches Museum Nürnberg e.V.

Veränderungen



Mitte des 17. Jahrhunderts setzte eine Entwicklung ein, die das gesamte Beerdigungswesen revolutionierte und die Platznot auf dem Friedhof erheblich vergrößerte. Bisher hatte man die Toten in einen schwarzen Kittel eingenäht und auf ein Brett gelegt, mit Tüchern bedeckt und das Ganze umwickelt. Manchmal war auch noch ungelöschter Kalk gestreut worden, um die Verwesung zu beschleunigen. Ein Sarg, oder „eine truhen“, wie sie genannt wurden, war nur üblich, wenn bei dem Toten noch Absonderungen auftraten. Ein Ratserlass vom 5.2.1592 bestimmte, dass „nur Kindbetterinen werden oder die Fraisen, oder sonst andere Ursachen erfordern in Truhen gelegt werden, weil dies zu großen Raum und Platz einnehme“.

Während bisher die Verwesung des Leichnams in zwei bis drei Jahren abgeschlossen war, wurde durch die Einführung des Sarges die Verwesungszeit erheblich verlängert. In einem Ratserlass vom 26. Februar 1632 rügte der Rat die Sitte der Leichentruhen, weil „dadurch die Grabstätte sehr angefüllt. Sondern auch eine große Anzahl von Brettern unnütz verbraucht würden“. Auch eine saftige Abgabe auf den neuen Sarg konnte diese Entwicklung nicht aufhalten.

Dem Grabplatz wurde eine größere Bedeutung zugemessen. Man wollte ihn nicht nur für sich, sondern auch seine Nachkommen sichern. Der Zusatz „sein und seiner erben begrebnus“ ist auf vielen Epitaphien zu finden. Auch die Sitte, oder vielmehr Unsitte, ein Grab „für ewige Zeiten“ zu kaufen, die sogenannten „Ewigkeitsgräber“, wie sie genannt wurden, trug viel zu einer Verknappung von Grabplätzen bei. So trägt ein Grab an der nördlichen Friedhofsmauer, in diese eingelassen, die Aufschrift: „dieses Grab darf erst am jüngsten Tag geöffnet werden“.

Für Alleinstehende, die keine Angehörigen besaßen, wurden Grabplätze bereit gestellt. So kennen wir Gräber für verstorbene Gesellen vieler Handwerksberufe. Diese waren selten verheiratet und oft in anderen Orten beheimatet. Grabplätze konnten auch gestiftet werden, zum Beispiel für treue Dienstboten oder für Findelkinder.

Um der Verknappung von Gräbern gegenzusteuern, verbot der Rat 1575 den Weiterverkauf von Gräbern. Bei Aussterben einer Familie fiel das Grab mit Stein wieder der Verwaltung des Gottesackers zu.

Zahlreiche Erweiterungen waren erforderlich, um in der aufkommenden Gründerzeit den Bedarf – die großen Friedhöfe Südfriedhof und Westfriedhof wurden erst später errichtet – an Gräbern zu decken. Nach dem Abbruch der Mauer 1677, die vom Steinschreiberhaus bis zum Schießplatz reichte, wurde die Fläche südlich und nördlich der Kirche mit Gräbern belegt. Der vollständigen Nutzung des ehemaligen Siechkobel- und Johannisbauergeländes standen lange Zeit noch zwei dreistöckige Häuser im Weg. Merkwürdigerweise wurden diese erst 1931 abgerissen.

Der St Johannisfriedhof musste sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder den bestattungstechnischen Erfordernissen der Stadt Nürnberg anpassen. Zu diesem Zweck wurde 1856/60 nach den Plänen des Stadtbaurats Bernhard Solger im Anschluss an die Leichenhalle im neueren Friedhofsteil eine Grufthalle mit 25 nach Osten offenen Spitzbogenarkaden im neugotischen Stil geschaffen.

Genutzt wurden die Grüfte überwiegend vom Nürnberger Geldadel, der sich hier einkaufte, um sich von den mittlerweile stehenden Gräbern des durch die 1860 erfolgte Hinzunahme  des Schießplatzes als neugewonnenes Gräberfeld abzugrenzen. Jedoch befindet sich hier auch die Sammelgruft der Friedhofsverwaltung, in welcher die Gebeinsreste von neu zu belegenden Gräbern aufbewahrt werden.

Seit der Auflösung der freien Reichsstädte und der Einfügung Frankens nach Bayern 1806 gilt auch die bayerische Friedhofsordnung mit den stehenden Grabmalen. So erklären sich die Unterschiede in den Gräberfeldern mit liegenden und stehenden Grabsteinen.

Die Exklusivität der Arkadenhalle scheint jedoch Theodor von Cramer-Klett nicht ausreichend gewesen zu sein, denn mitten im neuen Gräberfeld erhebt sich das Grab der Industriellenfamilie Cramer-Klett überdimensional hoch wie auch breit. Der mehrere Meter hohe künstliche Felsen aus verrostetem Gusseisen weist auf den Ursprung des Familienreichtums im metallverarbeitenden Gewerbe hin. Auf dem mit einem Metallzaun umgebenen Geviert hätten rund 30 Gräber des alten Friedhofes Platz gehabt.

Die Ausstattung und Ausdehnung des Grabes zeigt deutlich, was der Rat der Reichsstadt ursprünglich hatte verhindern wollen: Protz und Prunk einzelner Familien zu Repräsentationszwecken.